Netzdenke Homeoffice
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Ein Kommentar

Die Verbreitung des SARS-CoV-2-Virus hält uns medial in Atem und beschäftigt im Augenblick auch privat jeden einzelnen von uns. Wir alle spüren die Auswirkungen, sei es, weil wir nicht zur Arbeit können, uns mehr im Haus aufhalten oder die Kinder zu Hause haben.

Wirtschaftlich stehen wir hier in Deutschland vor der bedeutendsten und größten Herausforderung seit Ende des Zweiten Weltkrieges. So formulierte es auch Angela Merkel in ihrer Ansprache am 18. März 2020. Zum Schutz unseres Gesundheitssystems und der Bevölkerung werden aktuell drastische Maßnahmen ergriffen, die die Verbreitung des Erregers verlangsamen sollen.

Das sogenannte Coronavirus geht faktisch um die Welt – und in den sozialen Medien dominieren Hashtags wie #flattenthecurve und #socialdistancing. Und neben den Schlagzeilen sprießen überall Blogartikel über erfüllte und gesunde Arbeit außerhalb des Büros aus dem Boden. Auch wir hatten einen Blogartikel über das Potenzial und die Licht- und Schattenseiten des Homeoffice im Entwurf und haben diesen nun auf Basis der aktuellen Situation für euch angepasst und veröffentlicht.

Von nice-to-have zu must-have: Die Arbeit im Homeoffice

Was noch vor ein paar Monaten in vielen Unternehmen ein netter Benefit war, ist während der Corona-Pandemie ein Härtetest.

Aus einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) geht hervor, dass 12 % aller Arbeitnehmer vor Corona bereits von zu Hause aus arbeiteten. Ein Drittel aller vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung befragten Arbeitnehmer hatte den Wunsch, dass ihnen Homeoffice ermöglicht wird.

Nun wird dieser Wunsch auf einen Schlag erfüllt – zumindest in den Unternehmen, wo die Arbeit im Homeoffice problemlos möglich ist. Dies galt und gilt selbst in Corona-Zeiten selbstverständlich nicht für alle Branchen.

Für Arbeitgeber und Arbeitnehmer das Beste herausholen

Im Augenblick ist der Vorteil für Arbeitnehmer und -geber klar: Die Arbeit von zu Hause verlangsamt die Ausbreitung des Virus. Doch auch sonst hat das Homeoffice einige Vorteile für Arbeitnehmer. Da wäre zum einen die Einsparung vom Arbeitsweg und somit weniger Stress durch tägliches Pendeln. Zum anderen bringt es einige Kosteneinsparungen, bis hin zu Steuervorteilen – und das auch für den Arbeitgeber. Selbst das Klima soll positiv durch vermehrte Arbeit von zu Hause profitieren, da der CO2-Ausstoß gesenkt werde. Doch den größten Vorteil sehen viele in der erhöhten Vereinbarkeit von Familie und Arbeit. Daher ist Homeoffice vor allem bei Eltern beliebt. Zudem haben viele Arbeitnehmer das Gefühl, durchaus ungestörter zu Hause arbeiten zu können.

Die SPD galt bisher als Befürworter der Verankerung eines Rechtsrahmens zur Förderung und Erleichterung mobiler Arbeit. In ihrem Gesetzesentwurf auf Basis der Reformvorschläge gingen sie auf einige Aspekte ein – aber noch nicht ausreichend.

Der Arbeitgeber muss auf jeden Fall sicherstellen, dass der Arbeitsplatz aktuellen Vorschriften entspricht und auch mögliche Sicherheitsrisiken minimieren. Alle Regelungen aus dem Arbeitszeitgesetz müssen außerdem eingehalten werden. Dieses betrifft nicht nur die Berücksichtigung von Pausen und die Höchstarbeitszeit, sondern vor allem die Einhaltung der 11-Stunden-Ruhepause zwischen Arbeitstagen.

Regelungen, die den Arbeitsschutz betreffen, liegen in der Kontrollpflicht des Arbeitgebers. Dieses trifft sogar arbeitsmedizinische Aspekte: Können oder müssen Arbeitgeber dafür geradestehen, wenn der Arbeitnehmer, anstatt an seinem Bürostuhl zu sitzen, sein Sofa nutzt und in einem Jahr an erheblichen Rückenschmerzen leidet?

Der Arbeitgeber ist in der Pflicht, für all diese Aspekte Sorge zu tragen. Doch kann er das wirklich?

Meiner Meinung nach nicht, beziehungsweise nur bedingt. Dies würde nämlich bedeuten, dass beispielsweise durch Hausbesuche der Arbeitsplatz überprüft werden müsste. Auch das Tracking der Browserverläufe oder Software, die Arbeitszeiten erfassen soll greifen zu sehr in die Privatsphäre des Arbeitnehmers ein.

Auch die Daten dritter müssen geschützt werden. Diesen Punkt sehe ich allerdings weniger kritisch. Arbeitgeber sind generell verpflichtet, datenschutzrechtliche Voraussetzungen einzuhalten, sowohl in der Firma als auch bei Heimarbeit. Technische Voraussetzungen sind auf jedem Arbeitsgerät zu schaffen, egal, wo sich dieses befindet.

Weniger Gesetz, mehr Kultur: Das Umdenken von Arbeitgebern ist gefordert

Wo sind die Grenzen zwischen Vorschrift und Vertrauen?
Wenn ihr mich fragt: in Arbeitsverträgen. In diesen ist die Leistungspflicht eines Arbeitnehmers aufgeführt. Lasst mich hier ein Beispiel aufzeigen.

Neulich auf einer Veranstaltung unserer Anwaltskanzlei, in der es unter anderem auch in einer Diskussionsrunde eben um dieses Thema ging, machte ich die Erfahrung, dass eine offene Einstellung zu diesem Thema noch lange nicht in allen Köpfen von Unternehmern angekommen ist.

So fanden clevere Unternehmer, die noch zur älteren Generation gehören, immer ihre Mittel und Wege, Arbeitnehmern das Homeoffice zu verbieten. Sie hatten die Sorge, Mitarbeiter seien unproduktiver und es würde sich nicht jede Persönlichkeit für das Homeoffice eignen. Doch einige Studien haben dieses Argument schon längst widerlegt, die berühmteste ist die des Stanford-Professors Nicholas Bloom.

Allerdings gibt es auch hier, wie so oft, zwei Seiten der Medaille. Andere Studien, wie z. B. der AOK, fanden durchaus negative Seiten. Die psychische Belastung beispielsweise sei größer. Als Grund wurde unter anderem die weniger strikte Trennung von Arbeit und Privatem angegeben, was wiederum zu weniger Erholungsphasen führe.

Durch die aktuelle Lage werden sicherlich einige Unternehmer umdenken und merken, dass Homeoffice-Arbeit – auch, wenn es vorher nicht denkbar war – durchaus auch nach der Krise ihre Daseinsberechtigung hat.

Wie gehen wir mit der aktuellen Situation und dem Beginn des „Coronialzeitalters“ um?

Als kleineres Unternehmen in der Online-Marketing-Branche sind unsere Arbeitsprozesse so oder so überwiegend digital. Homeoffice war bei uns bisher auch ein Benefit, welches unsere Mitarbeiter bei Bedarf nutzten.

Zwar setzt die Pandemie unser Weisungsrecht als Arbeitgeber nicht außer Kraft, allerdings ermöglichen wir, wie viele Arbeitgeber auch, unseren Kollegen und Kolleginnen die Arbeit von zu Hause. Wir stehen vor der Kür, die uns jeden Tag von Neuem fordert: eingespielte Arbeitsabläufe müssen überdacht und gegebenenfalls angepasst werden.

Die technische Umsetzung unternehmensweit ist bei uns nur ein kleines Rädchen im Getriebe. In erster Linie geht es uns um die Herausforderung, die Produktivität aufrechtzuerhalten und die Entwicklung eines jeden Einzelnen hinsichtlich Aufgabeneinteilung und Selbstorganisation zu unterstützen – doch vor allem anderen geht es uns auch um die Hindernisse in der sozialen Komponente.

Unsere Tipps für Arbeitnehmer: Homeoffice richtig gemacht!

Wir haben eine kleine Liste an Maßnahmen für dich erstellt, die dir helfen soll, deine Routine auch im Homeoffice aufrechtzuerhalten:

  • Gehe geduscht und angezogen an die Arbeit. Das hilft dir, dich zu disziplinieren, sorgt für einen klaren Kopf und einen deutlichen Feierabend-Moment.
  • Stimme dich zu Tagesbeginn mit deinem Team ab.
  • Schalte standardmäßig auch die Video-Funktion ein. Das hilft, Nähe aus der Ferne zu schaffen und erleichtert die Kommunikation untereinander.
  • Schaffe dir Raum für den Austausch von persönlichen Dingen, beispielsweise durch eine gemeinsame Kaffeepause per Videochat.
  • Esse und trinke genug – zu gewohnten Zeiten. 🙂
  • Plane dir „Deep Work“-Phasen ein. In diesen kannst du Aufgaben erledigen, die ein höheres Maß an Konzentration erfordern.
  • Achte auf ausreichend Pausen und stehe immer mal wieder zwischendurch auf. Auch ein kurzer Spaziergang kann sehr hilfreich sein, um neue Energie zu sammeln.
  • Ziehe einen klaren Schlussstrich unter deinen Arbeitstag, auch wenn die Verlockung groß ist, Aufgaben noch spätabends auf dem Sofa zu erledigen.
  • Reflektiere dich täglich, gerade zu Beginn der Homeoffice-Zeit:
    • Welches sind die größten Stolpersteine im Tagesablauf und wie kannst du diese aus dem Weg räumen?
    • Wobei fühlst du dich besonders wohl oder unwohl?
  • Sprich mit deinen Freunden, deiner Familie und deinen Kollegen bei Unsicherheiten, Gefühlen von Einsamkeit oder Angst. Du bist nicht allein – und solltest optimistisch bleiben.

Die Kollegen von t3n haben für euch einen tollen Homeoffice-Guide zum kostenlosen Download bereitgestellt, der alles Wichtige rund um das Thema Homeoffice zusammenfasst.

Distant Socializing statt Social Distancing

Was ein großer Vorteil des Homeoffice sein kann, nämlich konzentrierteres Arbeiten außerhalb des unruhigen Büros, wird in dieser Zeit natürlich auch zu einem der größten Nachteile. Denn auch außerhalb der Arbeitszeit sollen wir unser Sozialleben einschränken. Es herrscht weniger persönliche Bindung durch den Mangel an Präsenz im Büro. Ein Team-Spirit lässt sich schwieriger aufbauen und man kann in Gefahr geraten, auf Dauer den Schattenseiten des Social Distancing zu verfallen.

Soziale Interaktionen sind die Essenz einer jeden Gesellschaft. Und weil wir trotz miesmachenden Nachrichten weder die Nerven noch unseren Humor verlieren, haben wir „Kevin-Billard“ ins Leben gerufen. Die verbleibenden Mitarbeiter im Büro führen hierbei Spielzüge am Billardtisch aus. Diese kommen via Videochat von anderen Kollegen – und alle schauen zu. Denn nicht zuletzt sind Verbundenheit, Empathie, gute Laune und Hoffnung zurzeit kein Selbstzweck, sondern substantiell.

Wie es mit dem Homeoffice weitergeht, kann nur die Zeit zeigen. Fest steht, dass die aktuelle Situation ein längst überfälliges Umdenken anregt. Im nächsten Schritt müssen wir weiterdenken und schauen, wie all die offenen Hürden noch überwunden werden können.

Was sind deine Strategien und wie gehst du mit der aktuellen Situation um? Hinterlasse uns zu diesem Beitrag gern einen Kommentar, ich freue mich auf unseren Austausch.

2 Kommentare
  1. Avatar
    Olli sagte:

    Leider verwürfelst Du in deinem Beitrag wichtige Fachbegriffe, Mobile Working und Home Office.
    Bei Home Office, Teleheimarbeit, hat der AG sehr wohl die Möglichkeit, die Ergonomie am Arbeitsplatz zu beeinflussen, denn er stellt auch den Tisch und den Stuhl. Bei Mobile Working gibt es nur die technische Ausstattung.
    Und hier hat der AG eine besondere Pflicht, die AN umfassend und regelmäßig zu schulen und zu unterweisen. Die UK bzw. BG halten entsprechende Angebote bereit.

    Antworten
    • Ramona Albrecht
      Ramona Albrecht sagte:

      Lieber Olli,
      vielen Dank für deinen Kommentar. In diesem Beitrag beziehe ich mich nur aufs Homeoffice, auf Mobile Working gehe ich nicht ein.
      Zu deiner Anmerkung zur Ausstattung:
      Dadurch, dass Arbeitnehmer in Deutschland kein gesetzlich verankertes Recht auf die Möglichkeit zum Homeoffice haben, können Arbeitgeber Arbeitnehmern auch nicht vorschreiben, welche Möbel sie zu kaufen haben.
      Wie schon beschrieben, sind Arbeitgeber lediglich in der Verpflichtung (nach § 5 ArbSchG) sicherzustellen, dass der Homeoffice-Arbeitsplatz für den dauerhaften Aufenthalt geeignet ist. Der Arbeitgeber muss also für das Homeoffice die erforderlichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes bezüglich Sicherheit und Gesundheitsschutz des Arbeitnehmers treffen. Befindet der Arbeitgeber den Heimarbeitsplatz als ungeeignet, muss der Arbeitnehmer entsprechend vom Büro weiterarbeiten.
      Unter gewissen Konstellationen bzw. Voraussetzungen kann/muss der Arbeitgeber Kosten übernehmen. Dieses ist allerdings generell keine Pflicht des Arbeitgebers, sondern wird meistens über Individualvereinbarungen geregelt.

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