Abschied von Google+
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Jetzt ist es soweit: Google hat bei Google+ den Stecker gezogen. Am 30.06.2011 ging Google+ an den Start, zuerst nur auf Einladung. Ich wurde am Morgen des 30.06. gleich eingeladen und war somit vom ersten Tag an dabei und auch vom ersten Tag an dort richtig aktiv.

Während viele aus meiner Bubble bei Twitter oder Facebook bald wieder ausstiegen und das „Google+ ist tot“-Lied sangen, war in meiner Google+ Timeline jede Menge los. Das lag auch daran, dass ich dort ganz anderen Leuten mit ganz anderen Interessen folgte und dadurch mit ganz anderen Inhalten konfrontiert wurde als in anderen Netzwerken. Viele machten den Fehler dort den gleichen Leuten wie woanders zu folgen und dadurch die gleichen Inhalte präsentiert zu bekommen. Das führte bei vielen zu Langeweile, man schaute weniger bei Google+ vorbei und so kam diese „Google+ ist tot“-Geschichte ins Laufen.

Spätestens, als bei Google+ die Viewstatistiken eingeführt wurden, hatte ich schnell einen überprüfbaren Gegenbeweis, dass das Netzwerk halt nicht tot ist. Mehrere tausend Views pro Tag sprachen da eine ganz eigene Sprache. In  Hoch-Zeiten brachten Fotoalben von bestimmten Veranstaltungen schon mal eine halbe Million Views binnen einer Woche. So etwas schafft kein totes Netzwerk. Bei mir dagegen war richtig Leben in der Google+ Bude. Ich traf auf viele mir bis dahin unbekannte Hobbyfotografen, las auch vom Tod eines sehr aktiven Google+ Nutzers, der vielen dort sehr ans Herz ging. Es gab einen regen Austausch in den Communities, zahlreiche Kommentare und Likes unter den Beiträgen und alles lief sehr gesittet ab. Ich pflegte damals immer zu sagen, Facebook ist die BILD-Zeitung, Google+ die ZEIT. So war auch das Diskussionsniveau in beiden Netzwerken nicht miteinander zu vergleichen.

Sogar ein Google+ Barcamp gab es in Deutschland, durchgeführt im Frühjahr 2013 im Unperfekthaus in Essen. Schade nur, dass es bei einer einmaligen Auflage blieb. Vielleicht hätte das den Anstoß geben können, Google+ stärker ins Blickfeld zu rücken. Wobei, so ganz war es ja gar nicht außerhalb des Blickfelds. Gerade in Kreisen der Fotoamateure hatte Google+ eine große Fangemeinde gefunden, wovon wohl niemand zu Beginn geträumt hätte. Die Netzwerke, die am meisten in der Konkurrenz zu Google+ standen, waren halt nicht Facebook und Twitter, sondern eher Flickr und Fotocommunity.de.

Google+ war zuerst ausschließlich für Privatpersonen geöffnet, die Nutzung durch Firmen wurde erst später ermöglicht. Bis zum Schluss war Google+ werbefrei. Das bedeutete auch, dass Firmen sich ins Zeug legen mussten, um Abonnenten zu gewinnen. Einfach so eine Werbeanzeige schalten war halt nicht möglich. Der Aufwand zur Pflege war nicht unerheblich, wenn man wirklich vernünftig damit arbeiten wollte und die Plattform nicht nur als weiteren Ablageort für Pressemitteilungen usw. missbrauchen wollte.

Mit der Deutschen Bahn gab es sogar ein großes deutsches Unternehmen, das eine eigene Google+ Community aufbaute.  Als abzusehen war, dass Google+ nicht weiterentwickelt wird, wurde diese in private Hände abgegeben. Doch auch hier zeigte sich, dass der Ansatz da war, Google+ vernünftig und vielfältig zu nutzen. Hätten hier mehr Firmen echtes Engagement gezeigt, vielleicht würde Google+ jetzt nicht den Weg ins Nichts antreten.

Der Abstieg begann, als zum einen die etwas später eingeführte Authorship-Verknüpfung wieder verschwand und dann auch die Viewstatistiken wieder abgeschafft wurden. Dann kam noch die Auslagerung der Fotos nach Google Photos dazu und irgendwann dann war klar, dass Google+ nicht mehr weiterentwickelt wird.

Die angeblich sehr schlechten Zahlen in Bezug auf die Nutzung, vermag ich nicht ganz zu glauben, wenn man sieht wie viel auch noch bis zum Schluss in den diversen Fotogruppen auf Google+ los war. Meiner Meinung nach hätte Google+ durchaus das Potential gehabt, weiter stark zu wachsen und den Erfolgsweg, ja den gab es tatsächlich!, fortzusetzen. Das Authorship, die Viewstatistiken – sie alle waren wichtig für die Entwicklung von Google+.

Das Netzwerk wird vielen Menschen wirklich fehlen. Google+ hatte bis zuletzt eine große Fangemeinde und es bleibt abzuwarten, wer diese Lücke nun schließt. Interessanterweise waren auch viele Menschen dort aktiv, die Facebook lieber mieden. Dass ein einzelnes Netzwerk nun zum Google+ Nachfolger wird, ist eher auszuschließen, vielmehr werden sich die Nutzer auf verschiedene Netzwerke verteilen. Schade ist dabei nur, dass man dadurch den einen oder anderen aus den Augen verliert, eben weil man dann in unterschiedlichen Netzwerken aktiv ist. Aber vielleicht gibt es tatsächlich irgendwann einen echten Nachfolger. Die Zeit wird es zeigen.

Ich sage nun tschüss, Google+! Es war schön mit dir.

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